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Mittwoch, 28. Oktober 2015

Alpenüberquerung Part III: Zillertaler Alpen

Was wir in den ersten beiden Teilen unserer Reise in den Bayrischen Voralpen, dem Karwendelgebirge und den Tuxer Alpen erlebt haben, erfahrt ihr hier und hier.

Mittagspäuschen auf dem Weg zum Pfitscher Joch



 Nach einem ausgesprochen netten Abend im phänomenalen Wintergarten des Tuxer-Joch-Hauses mit stetigem Blick auf die kommende Etappe wartete dann am nächsten Tag die Friesenbergscharte auf uns. Eigentlich. Mit Blick auf die Wettervorhersage hatten die anderen schon am Abend begonnen, sich nach Alternativen umzuschauen. Wir natürlich nicht, denn „Aaaaach Quatsch, das machen wir schon!“. Am nächsten Morgen war dann allerdings klar: Nö. Und zwar ganz und gar nicht. Nicht nur Regen, sondern auch dichter Nebel vertragen sich bekanntlich gar nicht gut mit unbekannten Wegen und Scharten, auf denen ein mit Stahlseilen versicherter Abstieg mit nettem Blick in die mehrere hundert Meter reichende Tiefe auf uns gewartet hätte. Und da wir ja dann doch trotz aller Abenteuerlust irgendwo vernünftig sind und schlechterdings alle Warnungen (besonders nicht den sehr feinfühligen Aushang des Hüttenwirts, dass man an der Friesenbergscharte bei schlechten Bedingungen auch leicht den Tod (mit zehn Ausrufezeichen wurde dieser Tatsache besonderer Ausdruck verliehen) finden könne) in den Wind schlagen konnten, schlossen wir uns dann doch der Alternativroute über die Geraer Hütte an, auf der man erst am nächsten Tag die Alpeiner Scharte überschreiten musste und dann wieder auf die Normalroute kommen würde. Dankbarer Nebeneffekt: Eine Gruppe anderer München-Venedig-Wanderer, die wir durch den Pausentag eingefangen hatten und die uns mit ihrer Art tierisch auf die Nerven gingen, wurden wir so los, da sie die im Wanderführer vorgeschlagene Umgehung bzw. Umfahrung mit Bus und Bahn wählten (Tschakka!). Achja: Eine Gruppe wagte übrigens dann doch die Überschreitung der Friesenbergscharte: Eine holländische Familie. Ohne. Worte. Tja.

Die "Aussicht" auf dem Weg zur Geraer Hütte war eher ein zweifelhaftes Vergnügen.


Wir hingegen quälten uns den gesamten Tag über (wieder einmal!) eigentlich schöne, aber in diesem Fall einfach nur nervtötende Wege in Richtung Geraer Hütte. Einziges spaßiges Highlight dabei, das aber aufgrund akuter Schuh-Durchnässungs- und somit Blasengefahr auch schnell ins Gegenteil hätte umschlagen können, waren die zahlreichen mehr oder weniger reißenden Bäche, die wir auf dem Weg überqueren mussten. Nach ein paar Stunden im Niemandsland und in stetiger Erwartung eines 300hm-Anstiegs, den uns das GPS-Gerät von Tina aus unserer kleinen Wandergruppe angekündigt hatte, steuerten Jörn und ich (mittlerweile mutterseelenalleine unterwegs) dann plötzlich auf ein Gebäude zu. Ich so: „Ha, pass auf, das ist die Geraer Hütte!“. Jörn so: „Mmmmh.“ Zehn Meter weiter ich so: „Jöööörn! Da steht Geraer Hütte drauf!“. Losgesprintet und ungläubig festgestellt: Angekommen! Duschen gab’s auch, genauso wie Bergsteiger-Magazine zum Zeitvertreib, leckerste Bratkartoffeln mit Spiegelei und einen phänomenalen Sonnenuntergang, nachdem sich der Regen plötzlich verzogen hatte. Herz, was willst du mehr?

Verregneter Tag, wunderbarer Abend an der Geraer Hütte 
Bergidylle an der Geraer Hütte
Der Spaß verging uns dann spätestens am nächsten Morgen. Dazu sei gesagt, dass wir auf die Route über die Geraer Hütte und Alpeiner Scharte nur durch zwei Mitwanderer gestoßen waren, die einen Hund dabei hatten und deshalb die schwierigen Stellen umgehen wollten/mussten. Impliziert für den logisch denkenden Menschen, dass die Alpeiner Scharte leichter zu bewältigen sein müsste als die Friesenbergscharte. Dazu können wir nur sagen: Ha!

Überbleibsel wie dieses prägten den Weg zur Alpeiner Scharte ...

... die man am Einstieg des Schotterfeldes nur erahnen konnte.
Der „Weg“ zur Alpeiner Scharte bestand nämlich aus einem einzigen riesigen schwarz-braunen Schotterfeld. So weit so gut, das hatten wir ja schon des Öfteren und hätte uns eigentlich auch keine größeren Probleme bereitet. Besonderer Spaßfaktor dabei allerdings: Auf diesem Schotterfeld waren alle Steine lose. Und mit alle meinen wir in diesem Fall alle. Nicht nur die kleinen Kieselsteinchen, die einem immer gern unter den Füßen wegrutschen, sondern auch die großen mehrere hundert Kilo schweren Steinbrocken, an denen man sich in diesem Fall gerne festgehalten hätte. Super! Aber mal Spaß beiseite: Im Rückblick waren das wohl die kritischsten Momente unserer gesamten Tour und in diesem Moment auch nicht wirklich witzig. Nur einer nach dem anderen mit mindestens hundert Metern Abstand trauten wir uns weiter, immer wieder stehenbleibend, um den Nachfolgenden vor besonders gefährlichen Stellen zu warnen. Wir können euch sagen: Oben an der Scharte angekommen zu sein war ein erlösenderes Gefühl als auf so manchem Gipfel. 

Angekommen an der Alpeiner Scharte!


Auch der Abstieg auf der anderen Seite war eine Sache für sich ...
... und sah größtenteils so aus.
Auf der anderen Seite ging es dann nicht sehr viel, aber doch etwas besser ungefähr die gleiche Zahl von Höhenmetern wieder hinunter. Wie es Abstiege so an sich haben, zog sich dieser wieder einmal ewig hin – vor allem, da wir heute bis ganz hinunter ins Tal nach Stein mussten. Zunächst einmal führte unser Weg dabei aber in Richtung Pfitscherjoch-Haus und damit über die italienische Grenze. Und ob man es glauben will oder nicht, aber kaum hatten unsere Füße den ersten Schritt nach Bella Italia hinein gemacht, spürte man irgendwie so ganz unbewusst und auf eigentümliche Weise „La Dolce Vita“, als läge es in der italienischen Luft. Mit jeder Minute auf dem letzten Stück des Abstieges nach Stein hinunter wurde es dementsprechend auch gefühlt ein Grad wärmer und mitten in der italienischen Abendsonne erreichten wir das kleine Südtiroler Örtchen Stein. Und wie es Orte im Tal so an sich haben, gab es hier keine Hütte, sondern: Einen Gasthof! Mit Dusche! Und warmem Wasser! Solange man wollte! Außerdem noch andere Annehmlichkeiten der Zivilisation wie beispielsweise ein eigenes Bett (oha!) mit frischer Bettwäsche (wow!). Als dann noch Schnitzel und Bratkartoffeln auf der sonnenüberfluteten Terrasse dazukamen und die Antwort auf die Frage „Was kostet ein Glas Weißwein?“ „1,40!“ lautete, war absolut kein Wunsch mehr offen und wir ganz eindeutig angekommen in Italien.

Der Weg zur italienischen Grenze am Pfitscherjoch-Haus wurde einst
in schwerster Handarbeit mit großen Steinplatten geebnet.


Am nächsten Tag wartete dann wieder einmal eine lange Etappe auf uns, denn von Stein ging es in den nächsten kleinen Südtiroler Ort namens Pfunders. Und der, ihr ahnt es, lag logischerweise nicht im selben, sondern im nächsten Tal, ergo: Wir mussten einmal den Berg hoch und dann wieder runter. Den Tipp des Wanderführers, dass die Wegmarkierungen in Italien nicht immer so eindeutig und verlässlich wie in Österreich seien, nahmen wir dann etwas zu wörtlich und verliefen uns prompt. „Sieht zwar nicht aus wie ein Weg hier, aber im Wanderführer steht ja, dass das schlecht zu erkennen ist.“ Wäre man einfach geradeaus gegangen, dorthin, wo ein Weg führte, hätte das besser geklappt. Naja. Nach einer Viertelstunde Getapse durch mannshohes Gras entdeckten wir dann die Wegmarkierung – etwa 30 Höhenmeter unter uns an der Flussböschung. Zurückgehen? Keine Option! Stattdessen rutschten wir lieber in einer halsbrecherischen Aktion einen Steilhang, der zu unser aller Freude mit nassem Gras bedeckt und unten mit einem Elektrozaun versehen war, hinunter. Besagter Elektrozaun kam allerdings nach dem steilsten Stück der ganzen Angelegenheit, sodass man unweigerlich hineinrutschte – und ja, ein nasser Wanderstock an einem Elektrozaun leitet. Braucht ihr nicht mehr ausprobieren, haben wir für euch gemacht! Das erste Hindernis des Tages war dann aber mit größtenteils kleineren Blessuren überstanden und wir machten uns wieder, diesmal auf dem richtigen Pfad, auf den Weiterweg. Bella Italia machte seinem Namen alle Ehre und beschien uns durchgehend mit seiner 40 Grad heißen Sonne, die dann ohne jeglichen Schatten irgendwann doch leicht warm wurde.

Kurz darauf folgte dann zur allgemeinen Ablenkung allerdings schon das zweite Hindernis des Tages: Kühe. Ja ok. Kühe tun an sich nicht so viel. Aber ich (Julia) hatte aus irgendeinem Grund eine leichte Nervosität in Anbetracht der Dickhäuter entwickelt. Da die Kühe mitten auf dem weg standen, den wir nehmen wollten, wollten wir strategisch klug einfach abwarten, bis die dort verschwunden waren und machten ungefähr das Dümmste, was man machen kann: Stehenbleiben und die Kühe angucken. Die Kühe dachten sich natürlich sofort: „Oh cool Besuch!“ und kamen direkt auf uns zugetrottet. Wir also – schlauer Plan – hinter den nächsten Stein. Störte die Kühe logischerweise wenig. An dieser Stelle muss ich eine leichte Panik meinerseits zugestehen, die dazu führte, dass der einzige logische Schritt mir der hinter den Elektrozaun schien. Kleines Problem: Der Platz zwischen dem Elektrozaun und dem Abhang betrug etwa einen Meter. „Nette Unterhaltung“ dachten sich wahrscheinlich auch die Kühe und ließen sich prompt direkt vor besagtem Elektrozaun nieder, um uns anzuschauen. Super. Dankeschön. Toller Plan. Nach zehn Minuten wagten wir es dann tatsächlich (in Ermangelung anderer Möglichkeiten), wieder über den Zaun zu klettern und weiterzuwandern – und oh Wunder, die Kühe bewegten sich keine Zentimeter. Aber fast wären wir dabei ums Leben gekommen, das möchte ich an dieser Stelle nochmal betonen.

Auf dem Weg zur Gliederscharte

Nachdem auch diese Gefahr überwunden war, konnte uns dann der Aufstieg zur Gliederscharte nicht mehr schockieren, zumal auf der anderen Seite ein absolut traumhafter Bergsee auf uns wartete. Und egal wie windig die Luft, egal wie kalt der Bergsee: Nichtmal der Hauch eines Zweifels hielt mich davon ab, hier hineinzuspringen. 

Zunächst erwartete uns ein Haufen schwarzer Schafe auf der anderen Seite der Gliederscharte ...

... gefolgt von diesem phänomenalen Bergsee.
Der lange lange Abstieg nach Pfunders hinunter wurde uns dann zum Glück noch durch eine phänomenale Johannisbeerschorle mit selbstgemachtem Sirup einer alten Sennerfamilie versüßt und irgendwann neigte sich auch dieser Tag dem Ende und wir kamen müde, aber glücklich im Gasthof in Pfunders an. (Merkt ihr was? Zwei Gasthöfe hintereinander! Grenzt ja fast an Luxusurlaub hier!)

Selbstgemachter Johannisbeersirup geht immer!


Abstieg nach Pfunders über idyllische Almwiesen
Mit dem nächsten Tag ging es in stetigen Schritten auf den nächsten großen Abschnitt unserer Tour zu, den wir kaum erwarten konnten: Schon am Abend sollte man den Peitlerkofel sehen können und damit waren die Dolomiten endgültig nicht mehr weit. Mehr als tausend wunderbare Erzählungen und dass Reinhold Messern sie einst als „schönste Berge der Welt“ bezeichnete wussten wir nicht über diese faszinierende Gebirgskette der Alpen und waren selbst beide noch nie da gewesen – die Spannung wuchs also minütlich. Doch erst kam, was kommen musste und vom Wanderführer poetisierend als „Waldlauf auf die Alm“ bezeichnet wurde.
Was eine nette Umschreibung. Für eine derart grässliche Etappe. Als Highlight des Tages kann da definitiv noch der Supermarkt in Niedervintl (und damit ein Stück Zivilisation) gelten, auf den wir uns natürlich stürzten, als hätten wir sechs Wochen nichts zu essen bekommen. Frisch eingedeckt mit Brot, Käse, Schokolade und Gösser Radler (ja ganz genau – nur auf dem Karwendelhaus hatte es dieses unser Alltime-favourite-Lieblingsgetränk gegeben, da konnten wir im Supermarkt nicht dran vorbeigehen) und mit gefühlt zehn Kilo schwereren Rucksäcken ging es dann in den Wald.
Wald.
Wald.
Wald.
So in etwa die Kurzfassung dieser Etappe. Bei aller Liebe: Nennenswertes gibt es hier wirklich nicht zu berichten. 1300 Höhenmeter auf schmalen, steilen Waldwegen durch ebendiesen nicht enden wollenden Wald bei 95% Luftfeuchtigkeit. Untermauert wurde das Ganze noch von Glücksmomenten wie dem, als wir dachten, wir seien schon fast oben und Tina mit Blick auf ihr GPS-Gerät frohlockte: „600 Höhenmeter haben wir schon!“ – „Und wieviel müssen wir insgesamt?“ – „1300.“ Nein. Das war nicht ermutigend. Nein. 

Na immerhin: Die Richtung stimmt.

Fast auf der Höhe unseres Tagesziels, der Kreuzwiesen Alm, angelangt, ging es dann noch einmal zwei Stunden über das Gebiet der außerordentlich (und damit meinen wir wirklich wirklich außerordentlich im Sinne der Schwarzwalddoktor-Romantik) idyllischen Lüsener Alm. Trotz fehlenden Schattens und abermals 40 Grad unter der sengenden italienischen Sonne konnten wir nicht anders, als diese wunderschöne Region und dann endlich tatsächlich den Blick auf den Peitlerkofel zu genießen. 

Endlich: Den Peitlerkofel im Blick!


Idylle pur auf der Lüsener Alm
Wie gut, dass wir zur Belohnung am Abend unser mühsam nach oben transportieres Gösser Radler (Ja, das war noch kalt! Physik und so!) und frisches Brot hatten. Zusammen mit einem guten Stück Bergkäse aus der hauseigenen Käserei der Kreuzwiesen Alm ein Traum in Tüten in der italienischen Abendsonne, die uns dann zu allem Überfluss auch noch einen traumhaften Sonnenuntergang bescherte.

Was genau süße Weißweinschorle ist, mussten wir erst einmal erklären.



Traumhafter Sonnenuntergang auf der Kreuzwiesen Alm
Was wir auf dem nächsten Abschnitt unserer Tour in den Dolomiten erlebt haben, erfahrt ihr beim nächsten Mal.

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