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Donnerstag, 27. August 2015

Alpenüberquerung Part I: Bayrische Voralpen und Karwendelgebirge

Ah, schönen Urlaub! Und wo geht’s hin? – Wir machen `ne Alpenüberquerung. – Äh, aha. Also zu Fuß? – Ja genau. – Aber mit Gepäcktransport? – Ehm, nein. Wir haben jeder 13 Kilo dabei. – Oh.

Mit Blick auf den Brauneck: Kurz vor dem ersten Schritt am 25. Juli 2015


So oder so ähnlich gestalteten sich die meisten Gespräche zum Thema „Wo fahrt ihr denn diesen Sommer hin?“. Ja, man könnte sagen, wir sind ein bisschen verrückt. Das wollen wir ja gar nicht abstreiten. Im schönen Andalusien, bei 30 Grad am Strand mit einem kühlen Cocktail und – hier kommt der entscheidende Punkt – einem Bergsteiger-Magazin, erworben am Züricher Flughafen, in der Hand, kam uns die Idee: „Lass’ uns doch nächstes Jahr `ne Alpenüberquerung machen." Alles klar.

Knapp ein Jahr später standen wir dann an einem schönen Samstagmorgen bei Sonnenschein und unter strahlend blauem Himmel in Lenggries am Fuße des Braunecks. Der erste Tag unserer Tour. Zweifel an der Idee waren uns nie wirklich gekommen, auch nicht an diesem Tag, aber die leise Frage „Wessen Idee war das eigentlich nochmal?“ stellte sich dann angesichts der ersten 1000 Höhenmeter, die auf einem fiesen und sehr steilen Forstweg zurückzulegen waren, dann doch ein. Denn auch die Bayerischen Voralpen, so langweilig sie auch klingen mögen, haben doch einige Höhenmeter zu bieten. An dieser Stelle ein Hinweis an alle, die sich beim Lesen jetzt denken „Oh Gott, Wandern ...“ und sich an endlose Spaziergänge mit den Eltern über ebendiese Forstwege erinnert fühlen: Nein, das ist kein Wandern. Jedenfalls für uns nicht. Unser Wandern ist Bergsteigen, am liebsten im Hochgebirge, am liebsten über schmale Pfade, über Stock und Stein und schrofige Felsen, mit Gipfeln, zu denen keine Seilbahn fährt und Weitblick, den man nicht aus dem Panoramarestaurant, sondern mit einem Butterbrot in der Hand von einem Stein am Gipfelkreuz aus genießt.
Will man jedoch über die ganzen Alpen, kommt man auch mal über Forstwege, auch durchs Tal und manchmal sogar über Straßen. Das lässt sich leider nicht vermeiden, hielt sich jedoch auf unserer Tour stark in Grenzen.

Bis zum Gipfel des Braunecks hielt das gute Wetter, dann fing es an zu tröpfeln, zu winden, und dann zu stürmen. Gut, wenn in so einem Moment die geplante Route über einen Grat verläuft (=nicht gut bei Regen) und der Wanderführer von der Ausweichroute bei Nässe dringend abrät (=nicht gut bei Regen). Wer mitgezählt hat, kommt wie wir auf zweimal nicht gut bei Regen bei zwei möglichen Routen. Perfekt!
Der Rest des Tages bestand dann also zum großen Teil aus einer Rutschpartie über ebenjenen Grat und Hin- und Her-hangeln über Berggipfel zwischen zwei Windstößen. Achja, aus dem Tröpfeln wurde dann übrigens strömender Regen. Da kam Freude auf.

Am Beginn des Pfades über die Achselköpfe kurz hinter dem Gipfel des Latschenkopfes, 25. Juli 2015

Unsere erste Unterkunft: Eins von zwei Gebäuden der Tutzinger Hütte, 25. Juli 2015


Am nächsten Tag nach einem gemütlichen Abend und einer nicht ganz so gemütlichen (und aufgrund enormer Schnarch-Lautstärke unseres Zimmergenossen teilweise schlaflosen) Nacht ging es dann erst mal zu einem kurzen Abstecher auf die Benediktenwand (1801m, sieben Stunden geplante Gehzeit ohne den Gipfel wären ja nicht genug gewesen) inklusive Steinböcken am Wegesrand. Der Abstieg in die Weltmetropole Jachenau gestaltete sich dann dank enorm zuverlässiger Wegbeschreibung unserer Wanderführers (Ironie!) in etwa so: Wegweiser nach Jachenau – zwei Stunden. Drei Stunden später: „Wie weit ist es denn noch nach Jachenau? – Joa so zwei Stunden.“ Ah.
Aber auch dieser Tag führte uns irgendwann an sein Ziel in Gestalt des verschlafenen Örtchens Vorderriß nahe der österreichischen Grenze.

Den Gipfel im Blick: Gipfelkreuz der Benediktenwand (1801m) von der Tutzinger Hütte aus, 26. Juli 2015

Steinböcke auf dem Weg zur Benediktenwand, 26. Juli 2015

Auch wenn es so aussieht: Scheu sind die gewaltigen Tiere keineswegs, 26. Juli 2015

Abkühlung in der Isar auf dem Weg nach Jachenau, 26. Juli 2015
Am nächsten Morgen dann der kurzzeitige Herzstillstand: Strömender Regen. Super. Die Regenklamotten waren schon rausgelegt, wir beim Sprint über den Hof zum Frühstück bereits klitschnass geworden, da dachte sich das Wetter dann „Och nö, doch nicht“ und der Regen hörte um Punkt 8.30 Uhr, kurz bevor wir losgehen wollten, von einer Sekunde auf die andere schlagartig auf. Geht doch.

Der größere Teil des folgenden Tages wurde dann strukturiert von regelmäßigen Schimpftiraden auf unseren Wanderführer, der sich mit Angaben wie „schon bald erreichen wir einen abzweigenden Waldweg“ nicht gerade mit Ruhm bekleckerte. (Zur Erläuterung: 1. „schon“ variiert je nach Definition wohl zwischen 5 und 45 Minuten. - 2. „bald“ variiert ungefähr zwischen 5 Minuten und 2 Stunden. - 3. Abzweigende Waldwege gab es auf dem nächsten Stück höchstens 37.)
Als der Weg schöner und die Landschaft idyllischer wurden, war dann unser Wasser leer. Deshalb wurde es erstmal gar nicht schöner und wir schleppten uns, aus unserer Sicht kurz vor dem Tod durch Verdursten stehend, irgendwie bis zum Karwendelhaus. Dessen Lage allerdings ist der absolute Oberknaller. An einem steilen Hang mitten im Karwendel mit phänomenalem Panorama. Dann das erste Mal die Botschaft: Es gibt keine Duschen, Wassermangel. Yeay!
Das Alpenglühen am Abend entschädigte dann aber zum Glück ein bisschen dafür und trotz der negativen Unterbrechungen war auch das ein absolut toller Tag.

Am Kleinen Ahornboden, 27. Juli 2015

Auf dem Weg zum Karwendelhaus, 27. Juli 2015

Auf dem Weg zum Karwendelhaus, 27. Juli 2015

Auf dem Weg zum Karwendelhaus, 27. Juli 2015

Das Karwendelhaus (1765m), 27. Juli 2015

Alpenglühen am Karwendelhaus, 27. Juli 2015


Am nächsten Tag hieß es früh aufstehen. Dank voll technologisiertem Hüttenwirt, der uns am Vorabend den aktuellen Wetterbericht und die schwierigsten Stellen der heutigen Tour auf dem iPad präsentiert hatte, wussten wir immerhin einigermaßen, was uns erwartet. Denn die Überschreitung des Schlauchkars und der Birkkarspitze, mit 2749m der höchste Gipfel im Karwendel, gehört mit 1550hm im Auf- und ebenfalls 1550hm im Abstieg zu den sportlichen Herausforderungen der Tour.

Die ersten 100 Höhenmeter direkt hinter der Hütte ließen uns dank ordentlichen Kletterpassagen und Drahtseilen schon auf den Geschmack kommen. Bald fanden wir uns dann am Fuße eines schier unendlichen Geröllfeldes wieder mit dem Wissen: Genau da müssen wir hoch. Oh. Die spektakulären Bilder aus Wanderführer und Internet hatten also nicht gelogen.
Aber es hilft ja nichts und der einzige Weg nach oben führte Serpentine für Serpentine über den Schotter. Am Anfang war das ja noch harmlos, ergo „nur“ anstrengend. Als uns dann dichter Nebel einfing, man die Wegmarkierungen immer schlechter entdecken konnte und dank des ein oder anderen kleinen Fehltritts auch schon mal gut und gerne gemeinsam mit einem Teil des gigantischen Schotterfeldes wieder den Hang hinunterrutschte, war es dann doch nicht mehr ganz so spaßig und wir froh, als wir nach drei Stunden das Schlauchkar erreichten. Trotz maximal schlechter Sicht und anhaltendem Nebel nahmen wir den Abstecher auf die Birkkarspitze natürlich mit – mindestens fürs Gefühl und die Bergsteigerehre.
Dann folgte der Abstieg: Erstmal ein kleiner Klettersteig (Jippieh!) und dann ein ebenso gigantisches Schotterfeld, durch das wir hinuntermussten. Auch wenn das irgendwann ziemlich anstrengend wurde, ist so ein Downhill-Schotter-Jogging-Trip schon was Feines(denn wenn man rennt – und hier meinen wir rennt – geht es schneller und die Gefahr, zu stolpern, sinkt beträchtlich. Kein Scherz!). Vor allem, wenn man um sich herum alpines Hochgebirge vom Feinsten hat und den Mund vor lauter Staunen ob der gewaltigen Eindrücke gar nicht mehr zubekommt.
Nach sechs Stunden sollten wir laut Wanderführer am Talgrund auf ein Flussbett treffen – wir saßen mitten im Schotterfeld. Hm. Da waren wir wohl nicht so ganz in der Zeit. Nach weiteren drei Stunden Abstieg erreichten wir dann endlich besagtes Flussbett. Ihr merkt: Die ausgeschriebene Zeit von 8 Stunden kommt schon an dieser Stelle nicht mehr hin. Das Hallerangerhaus erreichten wir dann nach einer Spitzenzeit von exakt 12 Stunden. Der Wirt vom Karwendelhaus hatte am Abend vorher noch gesagt: „Brecht um halb acht auf, selbst wenn ihr 12 Stunden braucht, schafft ihr’s dann noch rechtzeitig.“ Und wir so: „Ja is klar.“ Mmmh. Der Wirt vom Hallerangerhaus hatte uns schon von der Liste gestrichen, weil er dachte, wir kämen nicht mehr. Ups.
Zum Glück war noch genügend Platz im Lager, genug Zirbenschnaps zum Anstoßen in der Flasche und der Koch hatte ein Herz für uns und servierte trotz der Verspätung noch Kaspressknödelsuppe, Apfelstrudel und sonstige Leckereien. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie gut eine simple Suppe nach 12 Stunden Wandern aussieht!
Gott sei Dank hatten wir strategisch klug gedacht und für den nächsten Tag auf dem außerordentlich schönen Hallerangerhaus beim super netten Hüttenwirt Thomas einen Pausentag eingeplant. Cherioooo!

Am Fuße des Geröllfeldes vor dem Aufstieg zum Schlauchkar, 28. Juli 2015


Die Wegmarkierungen musste man im Stein-Wirrwarr suchen, 28. Juli 2015

Schritt für Schritt: Jörn im Aufstieg über das Schotterfeld, 28. Juli 2015

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts: Angekommen am Schlauchkar, 28. Juli 2015

Das erste Stück des Abstiegs vom Schlauchkar führte über einen Klettersteig, 28. Juli 2015

Auch Schneefelder hielt das Schotterfeld im Abstieg für uns parat, 28. Juli 2015

Wie so oft am Wegesrand: Steinmännchen inmitten des Schotterfeldes, 28. Juli 2015

Schotterfeld geschafft! Hinter uns der Blick auf die kommenden Tuxer Alpen, 28. Juli 2015



Im nächsten Teil folgen nach den Bayrischen Voralpen und dem Karwendel dann die Tuxer Alpen. Und auch auf die kulinarischen Mitbringsel unserer Reise müsst ihr nicht mehr lange warten. Versprochen!
Jörn und Julia

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